Regina Kehn
„Zeichnen ist weglassen“ (Max Liebermann)

Seit ihrem Studium der Illustration an der HAW arbeitet Regina Kehn als freie Illustratorin in Hamburg. Ihr künstlerisches Spektrum umfasst Bilderbücher, Kinderbuchillustration, Comics, Cover, Poster, Briefmarken sowie Holz- und Linoldrucke, z.B. für den EMYS-Sachbuchpreis. Mit ihrem charakteristischen Stil aus expressiver Linienführungen, prägnanten Farbflächen und reduzierten Formen bereichert sie die deutsche Kinder- und Jugendliteraturszene seit Jahrzehnten. Ihre Illustrationen bewegen sich dabei zwischen klassischer Kinderbuchillustration, grafischer Druckkunst und atmosphärischer Erzählung.
Besonders Holz- und Linoldrucktechnik beeinflussen ihre reduzierte, kontrastreiche Bildsprache. Max Liebermanns Motto „Zeichnen ist weglassen“ (Kehn) hat sie sich zu eigen gemacht. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit der Bronzemedaille für Illustration des Art Directors Club (1996), dem Rattenfänger Literaturpreis (2016), dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis (2022) sowie zuletzt mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2024).

Vom Wunschpunsch ...
1989 illustriert Kehn den Satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch des zweifachen Deutschen Jugendliteratur-Preisträgers Michael Ende. Es ist ihre erste veröffentlichte Buchillustrationen und damit ein frühes Schlüsselprojekt ihrer künstlerischen Entwicklung, wie sie selbst betont (Kehn 2024). Für den hungrigen Kater Maurizio, den schlauen Raben Jakob Krakel sowie die antagonistischen Figuren Beelzebub Irrwitzer und Tyrannja Vamperl entwickelt Kehn markante visuelle Gestalten, an denen sich später das Düsseldorfer Marionetten-Theater bei seiner theatralen Inszenierung orientiert. Kehn sagt über die Figurenzeichnung: „Ich war sehr unerfahren, und Michael Ende natürlich eine Riesengröße. Es gab ein Treffen mit dem Verlag und dem Autor, wo ich meine Skizzen zeigte und sehr schnell merkte: Der Verlag will die Katze im Wunschpunsch als kuschelige, niedliche Identifikationsfigur. Michael Ende sagte, nein, das ist ein Straßenkater, der hat auch Ecken und Kanten. Das hat natürlich auch meine Arbeit beeinflusst.“ (Kehn 2025)

Drei Jahre später illustriert Kehn Endes Der lange Weg nach Santa Cruz, ein Buch, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wird. Besonders lobt die Jury dabei, dass die „Bilder und Texte des witzig gestalteten Buches […] ineinander [passen] wie die realistische und phantastische Ebene der mit einem Augenzwinkern erzählten Geschichte“ (Dachverband Jugendliteratur 1993).
Seit ihrer Kollaboration mit Ende arbeitet Regina Kehn nicht nur für weitere renommierte Verlage und Medien, wie Oetinger, Carlsen, dtv, Fischer, Ravensburger, Tyrolia und Der Spiegel, sondern illustriert Texte vieler weiterer namhafter Autor:innen, wie Cornelia Funke, Kirsten Boie, Ursula Wölfel, Maja Lunde, Nils Mohl und Saša Stanišić. 2022 gewinnt sie zusammen mit Nils Mohl den Österreichischen Jugendbuchpreis für An die, die wir nicht werden wollen. 2024 erhält sie für ihre „scharf konturierten Illustrationen in Schwarz-Gelb“ (Dachverband Jugendliteratur 2024) zu Saša Stanišić Wolf den Deutschen Jugendliteraturpreis.

… über Das literarische Kaleidoskop …
Auch für Das literarische Kaleidoskop (2014), in dem Kehn 17 kurze Texte und Gedichte bekannter Autor:innen – wie etwa Falkes Närrische Träume, Eichs Wo ich wohne oder Kafkas Kleine Fabel – herausgibt und illustriert, wird sie für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: „Das Besondere an dieser Sammlung liegt in der Verbindung von Auswahl und visueller Form. Insbesondere die Gestaltung der Schrift schafft neue Zugänge zu den Texten, sie verlangsamt die Lektüre, lenkt die Aufmerksamkeit der Leser auf Rhythmus und Klang und auf die Bilder, die den Texten immanent sind.“ (Dachverband Jugendliteratur 2014). Die dargestellten Themen sind jedoch nicht immer kaleidoskopisch bunt: Durch den Einsatz von Grau-, Blau- und Schwarztönen werden Sujets wie Streit unter Freund:innen, Einsamkeit, Tod oder Armut auf bildkünstlerischer Ebene emotional nachgezeichnet (vgl. Lindauer 2015).
...bis zu Einmal kurz nicht aufgepasst!
2016 erhält Kehn den Rattenfänger-Literaturpreis für die Bebilderung des Kinderromans Freunde der Nacht (Text: Matthias Morgenroth). Die Jury zeigt sich begeistert von der dramaturgischen Gestaltung des Buches: „Die Buchseiten, am Anfang wie gewohnt weiß, werden immer dunkler bis wir in der Mitte des Romans mit den Figuren in die totale Schwärze eintauchen, um allmählich wieder zurück ins Licht zu gelangen“(Kehn) . Auch hier macht die Illustratorin die Atmosphäre der Geschichte erneut durch ihr fingiertes Spiel mit Farbe greifbar.
Mit Einmal kurz nicht aufgepasst! (2025) erfüllt sich Kehn einen Traum: „Wirklich, nach jahrelanger Arbeit ist im Oktober 2025 mein erster langer Comic […] für Kinder […] erschienen. Es war ein sehr schönes und herausforderndes Projekt für mich“(Kehn) Mit ihrem umfangreichen Comicdebut, das im Kindercomicverlag kibitz erschienen ist, beweist die Illustratorin einmal mehr Witz und Komik und stellt ihren souveränen Comicstil unter Beweis. Zuvor schon hat sie sich als Autorin eigener Bilderbücher etabliert: Mein Leben ist schön (2011), Wir drei ganz mutig (2013), Nirgendwo ein stiller Ort (2016), Winzi (2020) sowie die Pixi-Bücher Kannst du das lesen?, Happy 5, Ava auf einem Bein.

„Ich begreife mich […] als Bildautorin und nicht als Dekorateurin des Textes.“
Begleitet wird Kehn beim täglichen Zeichnen – „Wie Sportler:innen oder Musiker:innen müssen auch Zeichner:innen jeden Tag trainieren, also zeichnen“ (Kehn) – von ihrer inneren, kritischen Stimme, der sie mit der Figur des Hundes eine Gestalt verliehen hat. Auf ihrer Homepage sind Eindrücke ihrer täglichen Skizzen-Übungen zu sehen. Kehn versteht sich selbst als „Bildautorin und nicht als Dekorateurin des Textes.“ (Kehn 2025). Die Illustration ist für sie eine „eigenständige Kunstform“, eine „visuelle Sprache“ (Kehn 2025), die der geschriebenen hinzugefügt wird.
Alina Behrend und Laura Schwarz